Kapitel 8: Der Mann, der zuviel wusste – Hitchcock (2 und) 3: THE LODGER – A STORY OF THE LONDON FOG/ DER MIETER – EINE GESCHICHTE AUS DEM LONDONER NEBEL (1927)

Hitchcocks eigentlich zweite Regiearbeit THE MOUNTAIN EAGLE (1926) ist leider verschollen, nur ein paar Standfotos sind erhalten geblieben, unter diesen ein sehr grotesk wirkendes Würgerbild. Interessant wäre der Film sicherlich schon alleine dadurch, dass Fritz-Lang-Veteran Bernhard Goetzke eine der Hauptrollen spielt, aber Hitchcock selbst bezeichnete seinen dritten Film THE LODGER als den „ersten richtigen Hitchcock-Film“, insofern ist der Verlust von THE MOUNTAIN EAGLE vielleicht verschmerzbar.

THE LODGER ist perfekt komponiert, szenenweise eindeutig von Leo Perutz‘ Roman „Zwischen neun und neun“ beeinflusst.

Warum sieht man in Filmen eigentlich so selten Lichtreflexe von vorüberfahrenden Autos in Wohnungen? Entweder, weil die Wohnungsszenen in Studios gefilmt werden, und es dort gar keine vorbeifahrenden Autos gibt, oder, wenn die Wohnungen echt sind, weil sämtliches Licht in ihnen kontrolliert und gesetzt wurde, sodass eben solche ungeplanten Reflexe nicht entstehen können. Ich denke also, dass Hitchcock die Lichtreflexe in der Wohnung künstlich erzeugt hat. Was ein ganz erstaunlicher Aufwand wäre, nur, um eine bestimmte visuelle Atmosphäre zu erzeugen – aber das passt zu einem Regisseur, der vorher als Art Director gearbeitet hat, und der einen Glasboden verwendet, um in diesem Stummfilm Schritte wenn schon nicht hörbar, dann eben sichtbar zu machen.

Was ist das überhaupt für eine seltsame Wohnung, die der Lodger da bezieht? Mindestens eines der Wandgemälde ist eindeutig sadomasochistischer Natur. Was wollen die Vermieter ihren Mietern dadurch zu verstehen geben? „Quälen von Frauen ist bei uns willkommen, mit unserer Tochter machen wir das auch so.“ Hoffentlich nicht. Jedenfalls kein Wunder, dass man diese Bilder dann zur Wand dreht.

Aus heutiger Perspektive betrachtet wirkt der Polizist mit seinem fast schwarzen Lippenstift irgendwie pervers (auch in seiner Ruppigkeit im Umgang mit dem Mädchen), und Ivor Novello viel zu hübsch, um ein Mörder sein zu können, aber das war seinerzeit anders. Gustav Diessl als Jack the Ripper in DIE BÜCHSE DER PANDORA (1929) war ebenfalls sehr attraktiv, Conrad Veidt in DAS CABINET DES DR. CALIGARI (1920) bewegte sich zwar skurril, hatte aber ebenfalls ein eindrucksvolles Antlitz. Mörder durften schön sein, das verlieh dem Ermordetwerden einen morbiden Reiz, als wäre eine Lustmord nicht nur etwas, bei dem der Mörder, sondern auch das Opfer Lust empfindet.

Der Lodger ist allerdings, obwohl unschuldig, schon auch ein merkwürdiger Bursche. Warum grinst er diabolisch, wenn er sich Butter aufs Brot schmiert? Und warum geht er dem Polizisten wie ein Würger an die Gurgel, anstatt sich einfach festnehmen zu lassen, bis erwiesen wurde, dass das erste Mordopfer tatsächlich seine Schwester war? Er ist hübsch, und – wie sich am Ende herausstellt – auch reich und womöglich adelig, aber ob das Mädchen bei ihm wirklich in guten Händen ist, dafür würde ich meine eigene nicht ins Feuer legen.

Hitchcock jedenfalls (der sich auch eine recht gewagte Entkleidungs- und Badeszene wieder nicht versagt hat) hebt sich eine letzte Anzüglichkeit für die Schlussminute auf: „Heute Nacht blonde Locken“, blinkt die den Film auch eingeleitet habende Reklame durch das Fenster, vor dem die beiden Baldvermählten sich küssen, und diesmal ist damit weder ein Mord noch ein Varieté gemeint.

Ein Rätsel, das THE LODGER überhaupt nicht auflöst, ist, warum der Mörder sich selbst als „Avenger“ bezeichnet. Wen rächt er, und warum signiert er seine Untaten? Vielleicht ist dazu in der Romanvorlage von Marie Belloc Lowndes mehr zu erfahren, Hitchcock jedenfalls lässt das völlig offen. Jedenfalls scheinen die Opfer nicht erschossen zu werden, weshalb die in der Tasche des Lodgers gefundene Pistole ihn eigentlich nicht wirklich belasten dürfte.

Hitchcock ist hier schon vollständig bei sich: Wie die meisten seiner Filme wirkt THE LODGER realistisch, ist es aber überhaupt nicht. Alles ist vollendet künstlich: Die sich auf nichts gründende Empörung der Menge am Ende, das „Spurenlesen“ des Polizisten, der in einem Fußabdruck Details des Films rekapituliert, der erste Auftritt des Lodgers, später das seine Augen zusätzlich betonende Muster des Fensterkreuzes auf seinem Gesicht, der wunderbare Glasfußboden, die überdeutlich blonden Wandgemälde, und selbst das geisterhaft huschende Licht in den Zimmern.

Addendum:

Ich habe jetzt endlich den 1913 erschienenen Roman von Marie Belloc Lowndes gelesen. Auf Deutsch heißt der (im Diogenes Verlag) „Jack the Ripper“, was nicht wirklich Sinn ergibt, denn die Geschichte ist zwar klar an den Ripper-Fall angelehnt, aber der Mörder signiert mit „The Avenger/Der Rächer“, ist also ein anderer, und der Name „Jack the Ripper“ wird – im Gegensatz zu den Namen „Jekyll“ und „Hyde“ – nirgendwo im Buch erwähnt.

Erwähnenswert:

  • Ein Untermieter kann sich schlechterdings anonym einmieten. Hitchcock hat auf den Namen dieses spezifischen Mieters aber schlauerweise verzichtet, weil der etwas albern ist: Im Buch nennt er sich „Sleuth“, was für „Wahrheit“, „Spürhund“ oder „Schnüffler“ steht, und viel zu sehr ein nom de guerre ist, der auf seine eigentliche Tätigkeit verweist.
  • Um ihn als Sonderling zu charakterisieren, hat er einen Ekel vor Fleisch, ist also Vegetarier. Ich halte ihn allerdings besonders als Vegetarier für einen Sonderling, denn er lässt sich durchaus mal zu einem „Hühnchen“ und zu „Fisch“ breitschlagen. Auf mich wirkt er eher wie jemand, der allenfalls Schweinefleisch ablehnt, ein heimlicher Moslem also vielleicht. Womöglich hat er seinen Namen gar nicht mit „Mister Sleuth“, sondern mit „Mister Suez“ angegeben, und lispelt. Er neigt nämlich zum haspelnden Sprechen.
  • Es gibt eine ausführliche Szene im „Schwarzen Museum“ von Scotland Yard, das die Autorin offensichtlich besucht hat.
  • Die Schilderung der Tochter Daisy als hübscher Person, die ihrem Vater gerne aus der Zeitung vorliest, aber bei den Worten „Theorie“ und „Nomade“ stockt, weil sie die offensichtlich noch nie gehört hat, hätte ich bereits ehrabschneidend gefunden, wenn ein Mann den Roman geschrieben hätte, aber ich finde es geradezu unverständlich, dass die Tochter einer Feministin diesen Roman geschrieben hat. Warum hat sie aus Daisy denn keine kluge, emanzipierte junge Frau gemacht, sondern eine, die nur dadurch glänzt, in einem geblümten Kleid besonders gut auszusehen?
  • Der Roman ist stellenweise von fast bestürzender Naivität. Wir erfahren so gut wie nichts über die Morde, den Tathergang, die Opfer, auch aus der Presse nicht. Wir können uns eigentlich also gar kein richtiges Bild machen. In einem Schrank kippt ein Gläschen roter Tinte um, die Hauptfigur (die Vermieterin) erschrickt, weil sie das mit Blut verwechselt. Auf mich erweckt das den Eindruck, weder diese Vermieterin noch die Autorin hätten jemals echtes Blut zu sehen bekommen. Auch wird immer wieder ein Klopfen an der Haustür als „Cliffhanger“ an das Ende eines Kapitels gestellt. Einmal war es der neue Untermieter, der klopfte, einmal der Postbote, und einmal ein Freund der Familie. Spannung, die gar keine ist, und die restlos verpufft. Und wenn einer sich mit einem Schnurrbart verkleidet hat, wird er prompt überhaupt nicht erkannt.
  • Dafür gibt es eine hochinteressante psychologische Dimension, die im Film fehlt. Die Hauptfigur des Romans ist die alte Mrs. Bunting, die Vermieterin. Sie ist anfangs die Einzige, die den Lodger verdächtigt, der „Rächer“ zu sein, weil sie die Einzige ist, die mitbekommt, dass er sich nachts immer aus dem Haus schleicht. Dennoch beschließt sie an einer Stelle, ihn zu schützen, selbst wenn er der Mörder sein sollte. Sie hat dabei eine Gemengelage von Motiven: Erstens ist sie Mister Sleuth dankbar, dass er sie und ihren Mann durch seine Mietzahlungen im wahrsten Sinne des Wortes vorm Hungertuch gerettet hat und weiterhin rettet. Zweitens scheint sie sich ein kleines Bisschen in den 40jährigen Mieter verknallt zu haben. Das wird nie deutlich ausgesprochen, aber sie fühlt sich eigentümlich wohl in seiner Gegenwart und achtet sehr eifersüchtig darauf, dass sie allein ihn bedient, niemand sonst. Drittens gibt es eine Stelle in dem Buch, in der Mrs. Bunting denkt, Frauen sind eher Individuen, und nicht so sehr Staatsbürger (anders als die Männer). Sie sind also nicht so verantwortlich für das Staatswohl, sondern eher nur fürs heimische Wohl. Das ist eine bizarre Perspektive, die fast schon feministisch sein könnte, wenn sie nicht aber auch etwas Häuslich-Devotes und etwas von Aus-allem-Komplizierten-halte-ich-mich-raus hätte.
  • Die Mordserie des „Rächers“ ist umfangreicher als die Jack the Rippers. Er begeht allein neun Morde in London, davor aber auch schon jeweils zwei in Leipzig (!) und Liverpool. Bei Jack the Ripper waren es insgesamt „nur“ fünf. („Der Rächer“ scheint es auf Städte abgesehen zu haben, die mit einem L beginnen. Weshalb? Weil der Nachname der Autorin auch mit einem L beginnt?)
  • Mister Sleuth verbringt den ganzen Tag mit manischem Bibelstudium, was ihn in meinen Augen zu einem religiösen Fanatiker macht. Er liest wirklich nichts außer Bibel und Bibelkonkordanz, nicht einmal Zeitungen (was ich sehr seltsam finde angesichts seines Anliegens). Er kommentiert die Bibel mit seiner roten Tinte und zitiert Passagen über „Rache“, was ihn natürlich besonders verdächtig macht, der „Rächer“ zu sein, und er sagt laut Bibelpassagen auf. Er spinnt nicht nur ein bisschen.
  • Im Film weggelassen wurde eine lange Passage, in der Mrs. Bunting sich zu einer Zeugenbefragung im Fall „Rächer“ einschleicht. Dort treten Figuren auf mit seltsam sprechenden Namen wie „Mr. Cannot“ und „Dr. Gaunt“, die dem Roman zusammen mit „Mr. Sleuth“ beinahe etwas Surrealistisches oder sogar Symbolistisches verleihen. Später gibt es noch einen Franzosen namens „Barberoux“, was an „barbe rouge“, also„Rotbart“, erinnert.
  • In den Zeitungen wird ein berühmter Detektiv erwähnt, der aus dem Ruhestand zurückkehrt, um sich in die Ermittlungen einzuschalten. 1913 wird es wohl keinen Leser gegeben haben, der dabei nicht an Sherlock Holmes dachte. Holmes war 1903 nach seinem „Tod“ in den Reichenbachfällen von Arthur Conan Doyle aus dem „Ruhestand“ zurückgeholt worden (und ermittelte weiter bis 1927). Bei dem während der Zeugenbefragung auftauchenden berühmten Schriftsteller könnte es sich um Conan Doyle handeln, muss aber nicht.
  • Das „Finale“ ereignet sich am Eingang zur „Gruselkammer“ von Madame Tussaud’s Wachsfigurenkabinett. Es ist aber viel weniger dramatisch als bei Hitchcock, verplätschert eher.
  • Das Ende des Romans ist geradezu schockierend für diejenigen, die nur Hitchcocks Verfilmung kennen (Achtung, Spoileralarm!): Nicht nur ist Mister Sleuth tatsächlich der Mörder, sondern er entkommt sogar! Warum er sich „der Rächer“ nannte, wofür er sich rächte, erfahren wir nie. Auch sein Vermieterpärchen, das bis zuletzt eine schützende Hand über ihn hält, wird nicht belangt. Wie kommt dieses Mitgefühl der Autorin mit einem Massenmörder á là Jack the Ripper und seinen spießigen Herbergsleuten zustande? Weil er nur „betrunkene“ Frauen umbringt, und keine „anständigen“? Äußert sich da ein tiefes Verständnis der konservativen Klasse für ein „Großreinemachen“? Mister Sleuth ist ja ein „Gentleman“, also kein „verkommenes Subjekt“ aus der Hafengegend, dann kann er nachts ruhig Frauen aufschlitzen gehen. Hauptsache, im Haus bleibt alles schön sauber (Mrs. Buntings Reinlichkeit und Putzfimmel werden mehrmals betont). Das und einige im Roman verstreute abfällige Bemerkungen über „Ausländer“ und „Radikale“ finde ich allerdings tatsächlich richtig gruselig.
  • Ein Rätsel bleibt: Die englischsprachige Wikipedia schreibt in ihrer Inhaltsangabe, Mister Sleuth werde fünf Tage später gefunden, ertrunken in einem Fluss. In meiner deutschsprachigen Ausgabe fehlt dafür jegliches Anzeichen, nur sein Messer und die Gummisohlenschuhe werden gefunden, aber nicht an einem Flussufer, sondern im Regent’s Park. Irrt sich die englische Wikipedia? Oder weicht die deutsche Übersetzung tatsächlich so stark vom Original ab? Aber warum? Warum den Regent’s Park hinzudichten? Bei einem Roman, dessen erste Verfilmung das Ende regelrecht ins Gegenteil verkehrt hat, scheint alles denk- und nichts lösbar.