Kapitel 9: JIU MING/KOMA (2004)

KOMA ist ein relativ unbekannt gebliebener Hongkong-Thriller des Regisseurs Law Chi-Leung, der mich nachhaltig beeindruckt hat. Nicht nur mit den herausragenden Leistungen der beiden Hauptdarstellerinnen Kar Yan Lam alias Karena Lam und Angelica Lee alias Lee Sinje, sowie exquisiter Kameraarbeit, sondern vor allem mit seiner geradezu schwindelerregenden Fülle von Plottwists, die allesamt Sinn ergeben. Das Faszinierendste daran war für mich, dass ein Film, der eine eigentlich recht krude und grausige Handlung aufweist (es geht genau genommen um die Niere einer Dialysepatientin, und verschiedene Möglichkeiten von legalen wie illegalen Transplantationen), im Grunde von der Verwickeltheit von Zuneigungen handeln kann.

Nichts an diesem Film ist einfach. Eine Dreieckskonstellation, bei der die beiden Rivalinnen sich anfangs hassen, sich sogar durch Psychoterror zu vernichten suchen, dann sich einander annähern, beinahe esoterisch miteinander verschmelzen, einander beistehen, Freundinnen werden, sich dann wieder entzweien, sich versöhnen, sich erneut entzweien bis zum Kampf auf Leben und Tod, um dann wiederum in tragische Selbstaufopferung zu münden. „Abstoßung“ ist hier ein Schlüsselwort – was für transplantierte Organe gilt, mag auch für die Beziehungen zwischen Menschen mit sehr unterschiedlichen Lebensgeschichten gelten.

Der Film findet nie gesehene Auflösungen für Szenen, die man bereits woanders gesehen zu haben glaubt. Die Psychopathin-geht-mit-einer-Axt-auf-die-Jagd-Sequenz mündet darin, dass sie sich in Plastikplanen verfängt und erschöpft in die Transparenz atmend wie erstickend das Bewusstsein verliert. Gewalt bricht ganz abrupt aus und verkehrt sich dann wieder in Fürsorglichkeit. Brillant die Szene in dem Restaurant, wo die Nierenkranke ihre Lebensfrustration an Rührei und Teller auslässt, um sich dann noch – halbherzig den Konventionen folgend – zu entschuldigen. Wie sie sich zu mager fühlt, um sich vor ihrem Freund auszuziehen. Wie sie immer wieder ihren Mundgeruch überprüft und darunter leidet, dass sie das Gefühl hat, schlecht zu riechen. Wie der Genuss in den Augen der Liebeshungrigen in Enttäuschung umschlägt, als der untreue Mann sie im dirty talk des Liebesspiels ein „Miststück“ nennt. Wie aus solchen Bezeichnungen Selbstbilder abgeleitet werden. KOMA handelt viel mehr von solchen inneren Dramatiken, als von seinem vorgeblichen, zwischen Gegenwart und Vergangenheit verschachtelten Thriller- und Schockmomente-Plot.

Interessant auch, weshalb der Film eigentlich (für den internationalen Markt) KOMA heißt, denn lediglich eine Nebenfigur liegt in diesem Film im Koma, aus dem sie übrigens niemals erwacht. Der Produzent erklärt das im Making of: Der Film heißt KOMA, weil er von Hilfe handelt, die einer hilflosen Person gegen ihren Willen zuteil wird. Das ist faszinierend komplex gedacht.

Würde Hollywood so denken, müsste IRON MAN statt IRON MAN „Eierschale“ heißen, der STAR WARS-Zyklus nicht KRIEG DER STERNE, sondern „Das mit Lichtgeschwindigkeit auf der Stelle Treten“, DER EXORZIST „Die Vielfalt von Treppen“ und DER PATE II „Das Boot auf dem See“.