Kapitel 7: Mindestens fünfzehn Filme von Sion Sono: 1. HEYA/THE ROOM (1992)

Was ich von Sion Sono halten soll, ist mir überhaupt noch nicht klar. Bislang habe ich erst drei Filme von ihm gesehen, den ersten (SUICIDE CIRCLE, auch: SUICIDE CLUB, von 2001) fand ich großartig, den zweiten (STRANGE CIRCUS, 2005) maniriert, angestrengt, weil um das Verbergen seiner eigenen Hohlheit bemüht, und der dritte (LOVE EXPOSURE, 2008) hat mich dermaßen gelangweilt, dass ich es bislang noch gar nicht geschafft habe, ihn mir in voller Länge (fast vier Stunden) anzusehen.

Zeit also für eine eingehendere Betrachtung, denn Sion Sono ist längst zum Kritikerliebling und Festivalmatador avanciert (was noch nicht unbedingt für ihn spricht, schon mehrmals sind Cineasten Blendgranaten auf den Leim gegangen), hat sich diesen Ruf aber teilweise schon wieder verspielt durch Filme (wie z.B. TOKYO TRIBE, 2014), die einfach zu sehr dem Genre-Pulp verhaftet sind, um vom typischen Festivalisten noch beklatscht werden zu können. Genau das macht ihn für mich dann doch wieder interessant. Es könnte sich bei ihm um einen verkopfteren/unentspannteren Takashi Miike handeln (dessen qualitativ explosiver Output im Gegenwartskino allerdings unerreicht bleiben dürfte, eine so ausführlich wie nur mögliche Miike-Serie im Filmbetrachter wird folgen, ab Kapitel 60.)

Genug der Vorrede, hinein in THE ROOM, den vierten der neun Langfilme, die Sono bereits vor seinem internationalen Durchbruch mit SUICIDE CIRCLE gedreht hat, die aber allesamt außerhalb Asiens äußerst schwierig aufzutreiben sind.

Alles an THE ROOM dauert viel zu lange. Farbe beim Trocknen zuzusehen (jener berühmte, durch Arthur Penns NIGHT MOVES/DIE HEISSE SPUR 1975 kolportierte Vergleich mit den Filmen Eric Rohmers) wäre Dynamit dagegen, deshalb hat der Film auch keine Farben, er ist schwarzweiß. Sion Sono zwingt uns anfangs, das langsame Wandern von Wolken am linken Bildrand als das Spannendste wahrzunehmen, das sich ereignet. Er zwingt uns, nach etwas Ereignisähnlichem geradezu zu fahnden. Später, wenn wir uns an diesen Rhythmus gewöhnt haben, überfordert er uns geradezu mit Stadtansichten aus einer fahrenden Bahn.

Nichtsdestotrotz handelt es sich um einen Krimi, um einen Yakuzafilm. „Battles without Horror and Velocity“ sozusagen. (Eine Serie über die BATTLES WITHOUT HONOR AND HUMANITY-Yakuzafilm-Reihe wird es auch noch geben im Filmbetrachter, aber erst ab Kapitel 180.)

Mir gefällt die Art und Weise, wie HEYA/THE ROOM Sinn ergibt. Der Mieter gibt eine unfassbar lange Beschreibung, was er von einem Zimmer erwartet. Anschließend fahren wir unfassbar weit, um einen Raum zu finden, der diesen Anforderungen gerecht werden kann. Der ist es nicht. Also fahren wir weiter. Stoisch. Der ist es aber auch nicht. Eine andere Art von Fahrt schließt sich an. Und immer so weiter. Auf der Tonspur ist von Anfang an mehr los als in den Bildern. Dennoch ist es gar nicht unspannend. Road Movies haben immer die Sensation wechselnder Orte zu bieten. Alles flüstert. Der Mieter spielt ein japanisches Bilboquet namens Kendama, das mir so in dieser Art vor diesem Film gar nicht geläufig war, es funktioniert zweiseitig, ich habe dagegen ein klassisches französisches zuhause, eins, mit dem man mit dem Zapfen das Loch treffen muss, wie es auch in Maupassants Roman „Bel Ami“ von den Angestellten der Zeitung gespielt wird. Oh, schweife ich etwa ab? HEYA/THE ROOM bewirkt dies durchaus.

Bei der Szene mit dem Sterbenden in der Sonne erwartet man, dass der Killer zur Pistole zurückgehen wird und mit ihr den Sterbenden erschießt. So hätten es Tarantino oder Takeshi Kitano gemacht, und man hätte es in seiner Langsamkeit als lakonischen Humor gewertet. Bei Sono bleibt die Pistole vergessen. Es fällt auch (noch) kein Schuss. Stattdessen wird geraucht.

Während der Autofahrt macht man sich Gedanken. Werden sie im Kreis fahren? Wozu stehen all die Menschen an, die da anstehen? Was mag es da geben?

Eine geblümte Glastür mutet wie ein Spezialeffekt an, ist aber keiner.

„Your eyes resemble the room I’m looking for“ (ich habe den Film mit englischen Untertiteln gesehen) ist ein grandioser Satz. Plötzlich ist dieser langsamste aller Yakuzafilme beinahe so etwas wie ein Liebesfilm. Beinahe.

Das Ende ist erstaunlich pointiert. Deshalb verrate ich es nicht.

Dennoch dürfte es schwierig werden, die heutige Smartphonejugend zum Konsum solcher Werke zu bewegen.

Aber manchmal denke ich mir: Was, wenn sie eines Tages den ganzen audiovisuell genormten Spektakelkram mit Superheldenteams oder Dystopien besiegenden Jugendlichen oder niedlichen, singenden Animationsfiguren oder pseudo-mittelalterlichen, langhaarigen Schwertträgern in Grau-, Braun-, und Grüntönen satt bekommen und stattdessen mal etwas vollkommen Anderes wollen? Etwas, dessen Gestik und Mimik und Look sie nicht schon tausendmal in Variationen vorgesetzt bekamen? Dann könnte die Stunde schlagen von sowas wie HEYA/THE ROOM.

Vielleicht aber auch nicht, und stattdessen werden auch die Superheldenteams noch anfangen zu singen.