Kapitel 1: Die ELEPHANT MAN-Trilogie

THE ELEPHANT MAN/DER ELEFANTENMENSCH (1980) endet mit einem Frauengesicht vor einem Sternenhimmel, und die Kamera fliegt in diesen Sternenhimmel hinein, fast wie ein Raumschiff.

David Lynchs nächster Film, DUNE/DER WÜSTENPLANET, vier Jahre später, beginnt mit einem Frauengesicht vor einem Sternenhimmel, das uns erzählt, wie die Menschheitsgeschichte zehntausend Jahre weitergegangen ist.

Wenige Minuten später sehen wir den Elefantenmenschen John Merrick wieder.

Merrick ist inzwischen Navigator eines Raumschiffes, ein grotesker, in einem Gastank treibender Mutant, aber eines der mächtigsten und einflussreichsten Wesen des Universums. Sogar der Imperator kuscht vor seinen Wünschen.

Diese Navigatoren verkörpern die Raumfahrt an sich, die weniger vermittels Hochtechnologie als vielmehr durch Drogen, Raumkrümmung und körperliche Verformung aufrechterhalten wird. (In Frank Herberts Romanfortsetzung „Der Gottkaiser des Wüstenplaneten“ verwandelt sich schließlich sogar der neue Imperator physisch in einen Sandwurm.)

Wir begreifen dadurch, was John Merrick im viktorianischen London eigentlich war: Ein aus der Zeit Gefallener, ein noch unvollendeter/unbewusster Vorbote einer ferneren, phantastischen Zukunft.

Insofern bilden die ersten drei Spielfilme David Lynchs eine deutliche Trilogie.

Im ersten (ERASERHEAD, 1977) wird das Baby geboren und ist einfach nur monströs.

Im zweiten (der mit Geburtsvisionen beginnt), wird das Baby in Monstrosität erwachsen, findet aber immerhin dank Artikulation zu Anhaltspunkten menschlicher Würde.

Im dritten erreicht das Baby seine Erfüllung und ist nicht mehr monströs, sondern mächtig.

Hierin spiegelt sich auch der Werdegang/das Selbstbild des Regisseurs selbst wider, ablesbar an den drei unterschiedlichen, immer höher werdenden Budgets, die man ihm für diese Trilogie zur Verfügung gestellt hat.

 

P. S.: Dem Schriftsteller Alan Moore verdanke ich die zwei Gedanken, dass man erstens zu Beginn einer ambitionierten Unternehmung (wie das Projekt Der Filmbetrachter eine ist) der indischen Gottheit Ganesha huldigen sollte, weil dies dem Projekt Glück bringt – und dass zweitens der Elephant Man die moderne Inkarnation dieser elefantenköpfigen indischen Gottheit ist.

Hiermit habe ich mich tief vor Ganesha verneigt, und gleichzeitig auch vor der Filmgeschichte, die vom Spätviktorianischen bis ins Raumfahrtzeitalter reicht. Und der ich mich annehmen möchte, wie sie sich meiner angenommen hat, seitdem ich ein ganz kleiner Elefantenmensch war.