Kapitel 4: Das Ende von CARTOUCHE

Der Mantel-und-Degen-Film CARTOUCHE/CARTOUCHE, DER BANDIT (1962, Regie: Philippe de Broca) betritt in seiner Schlussphase völliges Neuland.

Bis dahin alles wie gehabt: Jean-Paul Belmondo ist – in der bewährten Tradition von Gérard Philipe als FANFAN LE TULIPE/FANFAN, DER HUSAR (1952) – ein frecher Tausendsassa, er prügelt, schwingt und lacht sich durch den Film, trotzt den Obrigkeiten, ergaunert sich ein Vermögen, scheint unbezwingbar. Sogar, dass er seine schöne Geliebte Venus (schmollmündig wie eine dunkle Bardot: Claudia Cardinale) mit anderen Frauen betrügt – was ein altmodischer romantischer Held vor den 1960ern niemals getan hätte – kann man ihm nicht übelnehmen, weil auch Venus es ihm nicht wirklich übelnimmt, sie schmollt dazu und schweigt.

Aber dann passiert etwas Eigentümliches. Einer von Cartouches Kameraden wird gefangen genommen und gefoltert. Selbstverständlich kann er befreit werden und ist sowohl körperlich als auch geistig im Großen und Ganzen hinterher wieder der Alte. Bis auf ein einziges eindrückliches Detail: Seine Haare sind in der kurzen Haft schlohweiß geworden. Den Zuschauer beschleicht der Verdacht, dass ihm während seiner Haft noch Schlimmeres widerfahren ist als die Wasserfolter, deren Zeugen wir wurden, etwas, das sich außerhalb der Zeugenschaft der Kamera ereignete. Die weißen Haare verändern plötzlich alles, denn sie besagen: Das Tun unseres Helden Cartouche zeitigt Konsequenzen, die nicht mehr ausheilen. Normalerweise bedeutet eine Gefangennahme für den Typus des lachenden Abenteurers, sei er nun von Douglas Fairbanks, Errol Flynn oder Burt Lancaster verkörpert, immer nur eines: Er muss halt einen Weg finden, wieder zu entkommen. Diesmal jedoch hat die Gefangennahme etwas eingebracht, das man weiter mit sich herumträgt, dem man nie mehr entwischen kann. Der Film hat plötzlich einen düstereren, verhängnisvolleren Tonfall, die weißen Haare leuchten in ihm wie ein Menetekel.

Folgerichtig ist es als nächstes Cartouche selbst, der gefangen genommen wird. Und wir ahnen: Es wird ihm wirklich an den Kragen gehen, wenn der Befreiungsversuch misslingt. Venus führt diesen Befreiungsversuch an, schmollend überlistet sie die Soldaten, schießt und fechtet ihren untreuen Cartouche frei. Und wird dabei erschossen.

Etwas zerbricht in Cartouche, mit einem noch lauteren Geräusch als nur einem Musketenknall.

Er bahrt die tote Venus in einer Prunkkutsche auf, behängt sie mit allem Schmuck und Kostbarkeiten, denen er in seiner Karriere als Räuberhauptmann habhaft werden konnte, und versenkt die Kutsche mitsamt der schönen Toten in einem See. Er nimmt Abschied von allem, was ihm jemals etwas bedeutet hat.

Nun kommt es zu folgendem denkwürdigem Dialog (zitiert nach der deutschen Synchronfassung):

Freund: „Und was wird jetzt?“

Cartouche: „Jetzt werde ich Rache nehmen.“

Freund: „Und dann?“

Cartouche: „Dann werde ich dort enden, wo ich enden muss.“

Anderer Freund: „Du meinst … beim Henker.“

Cartouche: „Ja. Hoffentlich geht’s schnell.“

Dann reiten die Banditen davon, in einen Untergang mit Ansage, das Wort „Fin“ erscheint auf dem Bildschirm, dramatisch musikuntermalt und mit einer hoffnungsloseren Bedeutung als gewöhnlich.

Der lachende Held hat also aufgehört zu lachen. Aus der Komödie (stellenweise fast Groteske) ist ein Drama geworden, eine Tragödie geradezu. Das nimmt das berühmte Ende von BUTCH CASSIDY & THE SUNDANCE KID/ZWEI BANDITEN (sieben Jahre später) bereits vorweg. Es beeinflusste sicherlich auch die außergewöhnlich vielschichtigen Musketier-Filme, die Richard Lester in den 1970ern drehte, in denen ebenfalls die Komödie stellenweise zur grimmigen Härte gerinnt.

Man stelle sich Douglas Fairbanks‘ Dieb von Bagdad vor, wie er, von Pfeilen durchbohrt, mit seinem fliegenden Teppich abstürzt.

Errol Flynns Robin Hood, dessen Kopf im Schlussbild über den Richtplatz rollt.

Oder den Roten Korsaren Lancaster, mit seinem Schiff versinkend und ertrinkend.

Cartouche macht uns das vor, ohne es explizit im Bild zu zeigen, und antizipiert dadurch jenen anderen charismatischen Rebellenhauptmann Che Guevara, der Cartouche um nur noch fünf Jahre überlebte.