Starter Pack: Kapitel 12: Hammer und Pflock – Der Hammer-Vampir-Zyklus 1 von 16: HORROR OF DRACULA/DRACULA (1958)

Insgesamt gibt es sechzehn Vampirfilme der Hammer-Studios: sieben davon sind Dracula-Szenarien mit Christopher Lee (einen anderen Dracula als Christopher Lee hat es in diesem Studio nicht gegeben, wohingegen genau einmal ein anderer Dr. Frankenstein als Peter Cushing ausprobiert wurde), ein Film gehört durch Peter Cushing als Van Helsing zum erweiterten Dracula-Mythos, enthält aber keinen Dracula, drei weitere bilden die Karnstein-Trilogie und fünf Filme sind Einzelgänger, wobei einer von jenen aufgrund seiner Hauptdarstellerin Ingrid Pitt in die Nähe der Karnstein-Trilogie gerückt werden kann.

Diese sechzehn Filme und ihre wechselseitigen Bezüge in chronologischer Abfolge zu betrachten ist hier mein Ziel.

 

Schon die Titelmusik von James Bernard ist hochinteressant. Das Leitmotiv besteht aus drei Tönen, sodass man den Namen „Dra-cu-la“ dazu singen könnte, aber es wäre wahrlich kein fröhliches Liedchen, das man da zum Besten gäbe. Unheildräuender, ja fatalistischer geht es kaum.

Weshalb während der Titelsequenz ein Wappen-Adler im Bild ist, erschließt sich mir nicht ganz. Es sollte wohl einfach ein unheimliches Wesen sein, aber ein Drachen wäre für „Dracula“ natürlich passender gewesen als ein Adler, und eine Fledermaus erst recht. Vielleicht soll der Adler ja eine Art Drachenfledermaus darstellen.

Die Kutsche, die Jonathan Harker zum Schloss Dracula bringt, ist offensichtlich eine Schweizer Kutsche, man beachte das weiße Kreuz auf rotem Grund an der Seite. Dracula ist demnach bei Hammer Schweizer. Das mutet sehr ulkig und willkürlich an, entspringt aber einer guten alten Tradition: Frankenstein hielt sich ebenfalls (laut Mary Shelleys Roman) in den Schweizer Alpen auf, und für Engländer wie Amerikaner ist alles Deutschsprachige gleichermaßen gotisch, sodass man auch den anderen großen Horrorstar guten Gewissens nach dort verpflanzen kann. (Wenn man mal darüber nachdenkt, klingen „Dracula“ und „Ricola“ erstaunlich ähnlich – wer hat’s erfunden?)

In der englischen Originalfassung wird ein in der Nähe befindliches Dorf namens „Klausenburg“ erwähnt, das allerdings in Siebenbürgen, also doch Rumänien, liegt, und unter dem Namen Cluj-Napoca Rumäniens zweitgrößte Stadt ist. Wahrscheinlich war die Kutsche also nur ein Leihstück, oder Jonathan Harker ist mit ihr aus der Schweiz nach Rumänien gefahren.

Dracula hat eine sehr schöne Handschrift, fast wie ein Schriftenfont. Nur die willkürlich wirkenden Abstände zwischen den Worten deuten auf einen unausgeglichenen Charakter hin.

Das Motto von Schloss Dracula lautet „Fidelis et mortem“, was so viel heißt wie „treu und Tod“, und somit sehr seltsames Latein ist. Wahrscheinlich ist eher „Fidelis ad mortem“ gemeint, treu bis in den Tod, was gut zu Draculas zu Lebzeiten feldherrenhaftem Gebaren passen würde. (Ein unterhaltsamer, weiterführender Blogartikel von Penelope Goodman über Draculas fehlerhaftes Latein lässt sich finden unter https://weavingsandunpickings.wordpress.com/2014/01/25/fidelis-et-mortem/, obwohl dort leider der Denkfehler gemacht wird, Dracula hätte sein Schloss erst nach seiner Untotwerdung errichtet, was eher unwahrscheinlich ist. Viel wahrscheinlicher ist doch, dass es sich um das Motto einer noch lebendigen Familie handelt.)

Harker ist Bibliothekar, nicht Makler wie im Roman. Draculas erster Auftritt ist sehr gentlemanly, er ist sich aber nicht zu fein, Harker den Koffer nach oben zu tragen (was für einen Grafen wirklich ziemlich außergewöhnlich ist). Er spricht auch ganz normal, was sich in den weiteren Hammer-Filmen zugunsten einer größeren Tier- oder Dämonenhaftigkeit ändern wird. Man gewinnt den Eindruck, Dracula ist bei sich zuhause mehr Mensch als auswärts. Dass er mit blutroten und weißen anstatt mit schwarzen und weißen Figuren Schach spielt, ist ein neckisches Detail des Set-Designs.

Aha: Harker gibt sich nur als Bibliothekar aus! In Wirklichkeit ist er gekommen, um Dracula zu vernichten. Das ist eine gravierende Abweichung vom Buch. Wahrscheinlich wollte man bei Hammer einen draufsetzen auf die auch schon aus Tod Brownings Verfilmung von 1931 und sogar aus Murnaus NOSFERATU allzu bekannte Rolle Harkers als Opferlamm. Dieser Harker, obwohl er tölpelhafter und dümmlicher wirkt als seine Entsprechungen aus früheren Filmen, soll also ein knallharter Agent sein. Na, mal sehen.

Und schwupps, schon baut er Mist. Denn wenn er weiß, dass Dracula eine Schreckensherrschaft („reign of terror“) ausübt, weshalb ist er dann gegenüber Draculas Braut nicht argwöhnischer? Weiß er um Vampirismus, oder hält er Dracula nur für einen seine Untergebenen knechtenden Gutsbesitzer? Wenn man nichts über Vampirismus weiß, muss man die Geschichte der Braut rein sexuell verstehen (sinngemäß: „Er hält mich gefangen und Sie wissen nicht, was für schreckliche Dinge dieser Mann tut!“), und Dracula für einen genießerischen Sadisten halten.

Aber dann verliert der Count seine Contenance, und sämtliche Masken fallen. Harker ringt hilflos mit ihm, hoffnungslos unterlegen, man fragt sich wirklich, was er ursprünglich gegen ihn zu tun beabsichtigte.

Okay, Harker weiß über Vampirismus Bescheid. Er weiß, wie es um ihn bestellt ist. Er hat sogar ein Pfählungs-Ausrüstungs-Set für den aufstrebenden Vampirjäger dabei. Mir schleierhaft, weshalb er vorher so arglos war und im Grunde genommen jetzt schon alles vermasselt hat. Immerhin bricht er auf, um Dracula im Sarg anzugreifen. (Ich frage mich, welcher mutige Mensch stets ein frisches Blümchen zu der Marienstatuette vor Schloss Dracula bringt.) Aber schon wieder macht Harker alles falsch. Er hat den hilflosen Dracula und dessen ebenso hilflose Gespielin vor sich. Wen pfählt er zuerst? Die hilflose Gespielin! Wie dumm kann man denn sein? Der Fisch stinkt doch vom Kopf her! Das dauert natürlich so lange, bis es dunkel ist. Auch das eine grandiose Idee von Harker. „Ich gehe zehn Sekunden vor Sonnenuntergang in Draculas Gruft, hmja, das erscheint mir klug.“ Ebenso grandios wie: „Bevor ich Dracula vernichte, muss ich ihm unbedingt noch meine Verlobte vorstellen.“ Vorhang für einen Vampirjäger, dessen Tollpatschigkeit und Unfähigkeit wahrscheinlich Roman Polanski 1967 zu THE FEARLESS VAMPIRE KILLERS/TANZ DER VAMPIRE inspirierte. (Harker darf danach nur noch einmal auftauchen, und dabei sogar als Vampir eher unvorteilhaft und trottelig aussehen.)

Dracula geht aber ebenfalls seltsam vor in dieser Szene. Er verlässt erst die Gruft, um dann von draußen wieder reinzukommen. Warum? Was hat er draußen gemacht? Sich das Blut aus den Mundwinkeln gewischt? Oder sich schnell die Hände gewaschen vorm Abendbrot?

Mir tun die Greisinnen leid, die in Hammer-Filmen immer für das herhalten müssen, was aus schönen Frauen wird, wenn der Fluch gebrochen ist. Hier und z. B. ebenfalls in Hammers SHE (1965). „Du legst dich jetzt da hin, damit der junge Mann sich in Grausen von dir abwenden kann.“

In der 23. Minute des Films: Auftritt der perfekt verkörperten Kompetenz – Peter Cushing als Van Helsing. Wir sind jetzt in Klausenburg, in der Schenke sehen wir Schilder für „Bischofbräu“ und „Rotwein“ (beides ebenjene deutschen Worte). Für mich wirkt das entweder wieder schweizerisch oder wie – das ergibt Sinn – von Siebenbürger Sachsen bevölkertes Rumänien. Wenn es aber das rumänische Klausenburg ist, bleibt rätselhaft, warum es immer als „Dorf“ bezeichnet wird, denn Klausenburg war die Hauptstadt des Großfürstentums Siebenbürgen.

Dracula – ein echter Romantiker: Von allen Frauen, die die Welt ihm zu bieten hat, muss es die eine sein, die Harker ihm gezeigt, und die Harker noch nicht besessen hat – ist vor Van Helsing bei den Holmwoods eingetroffen und webt dort bereits sein finsteres Netz. Die Szene, in der Lucy mit lüstern-verschlagenem Gesichtsausdruck ihrem nächtlichen Liebhaber das Fenster weit öffnet, ist dermaßen sexuell eindeutig, dass man kaum glauben kann, sich noch in den prüden 1950ern zu befinden. Sogar die Musik ist schwellend-pumpend, als wären wir hier in Tinto Brass‘ CALIGULA.

Interessant, dass ein Kruzifix in Vampirfilmen immer definiert wird als ein Symbol, welches die Macht des Guten über das Böse repräsentiert. Dabei stellt ein Kruzifix doch genau genommen den schmerzhaften Tod Christi dar, also das Ans-Kreuz-Geschlagenwerden des fleischgewordenen Gottes durch die vernagelten Menschen. Dieses Symbol könnte also durchaus auch als Niederlage des Guten interpretiert werden. (Bei Polanski wird es dann verlacht, aber nur, weil der betreffende Vampir kein Christ, sondern jüdischen Glaubens ist.)

Mir gefällt übrigens die Sprache Van Helsings: „Be guided by me, I beg you“ ist ein sehr feines, geradezu lyrisches Englisch, vorgetragen mit sanfter Stimme und festem Blick. Cushing ist als Van Helsing konkurrenzlos, obwohl schon so viele diese Rolle interpretiert haben, sogar später Sir Laurence Olivier.

Interessant ist, wie Lucy die Argumente Draculas „übernommen“ hat. Harker – der immerhin ihr Verlobter war – ist für sie einfach nur tot, und Van Helsings Reise, um Harker zu helfen, war nutzlos.

Kurios, dass Van Helsing nicht nachts an ihrem Bett Wache hält. Dies scheint der Schicklichkeit geschuldet, aber auch im 19. Jahrhundert – in dem der Film wie Stokers Roman spielt – wurden Ärzte nachts an die Betten kranker Frauen gerufen und blieben dort, wenn Gefahr in Verzug war, und das ist hier doch wohl eindeutig der Fall.

Von einer winzigen Rattenfänger-Melodie geleitet, geht das kleine Mädchen ganz allein in den Wald. Plötzlich eine Großaufnahme der vampirisch-bizarren Lucy, charakterisiert durch die beiden einzigen blutroten Herbstblätter des ganzen Wäldchens. Regisseur Terence Fisher versteht es meisterhaft, Atmosphäre zu erzeugen, und in dieser Atmosphäre dann ganz sublime, winzige Schocks zu setzen, die wie das Kribbeln einer Gänsehaut sind.

Der Gang der vampirischen Lucy ist großartig. Sie geht sehr hochaufgerichtet, mit ballerinahaften Schritten, einen oder beide Arme wie tastend von sich gestreckt, als wäre sie blind. Tatsächlich blickt sie sehr starr umher, wendet immer den Kopf, anstatt nur die Augen zu bewegen. Sie ist jetzt eine Fledermaus, aber auf einem ihr noch unvertrauten Terrain.

Die Pfählung Lucys, ihre Schreie, ihr verzerrtes Gesicht sind ausgesprochen grausig. Dazu nur ein wenig Blut, aber dennoch kaum auszuhalten. Man beachte, wie das Zwitschern der Morgenvögel draußen betont wird, bevor Van Helsing beginnt, und wie hart seine Hammerschläge jegliches Naturgeräusch unterbinden.

Später wird „die Grenze von Ingstadt“ erwähnt, über die Draculas Sarg gekommen sein muss. Ingstadt? Das klingt mir doch wieder sehr nach einer Verballhornung jenes Ingolstadt, in dem Viktor Frankenstein in Mary Shelleys Roman studiert hat. Dies wie auch die Schweizer Alpen verbinden Hammers Dracula fast mehr mit „Frankenstein“ als mit Bram Stokers „Dracula“-Roman.

Die Deutschbezüge werden immer kurioser: Die Adresse „Frederickstrasse“ in „Karlstadt“ spielt eine wichtige Rolle, ein Bestatter namens „J. Marx“ (immerhin nicht „K. Marx“, aber er ist quasi die Mischung aus Karl Marx und Josef Engels) wohnt dort, sämtliche Figuren sprechen diese Straße allerdings „Fridrigstrasse“ aus, als handelte es sich um die Berliner Friedrichstraße. Wir sind in Karlstadt also nun im Spessart, vielleicht verhöre ich mich aber auch, und wir sind in „Karstadt“, was in diesem Falle angemessen stünde für: großer Gemischtwarenladen.

In der Frederickstraße wird wieder Terence Fishers visuelles Gespür deutlich: Mina Holmwood steht in einem grünen Mantel mit goldenem Pelzkragen vor einem gelblichen Bereich des ansonsten rötlichbraunen oder blauen Hintergrunds. Diese gedeckten Farben stehen wie in einer impressionistischen Malerei flächig nebeneinander, vermischen sich jedoch harmonisch zu einem Eindruck pittoresker Nächtlichkeit.

Die nächste sexuelle Eindeutigkeit: Mina kehrt zurück von ihrem „Rendezvous“ mit dem transsylvanischen Grafen, das Lächeln einer durch und durch befriedigten Frau im Gesicht, vor Hochmut und einer gewissen Ausgelassenheit sprühend. „I feel perfectly well“, sagt sie auch, auf die besorgten Nachfragen ihres faden Gatten hin.

Dracula spricht tatsächlich kein einziges Wort mehr, nachdem er für Jonathan Harker den kultivierten Gastgeber und Kofferträger vortäuschte. Es ist faszinierend zu beobachten, wie er bei den Frauen nicht nur lüsternen Gehorsam, sondern auch Furcht auslöst, aufgrund seiner (und das ist wahrscheinlich durchaus auch sexuell zu verstehen) Größe.

Die minutenlange Ausführlichkeit der Bluttransfusion ist bemerkenswert. Es ist dies der wissenschaftlich-medizinische Versuch, gegen Draculas Einfluss anzukämpfen. Dieser Versuch ist in der Realität alles, was einem zur Verfügung steht, denn es gibt in unserer Wirklichkeit kein durch einen Dracula personifiziertes AIDS, kein personifiziertes Ebola, keinen personifizierten Blutkrebs, kein personifiziertes Corona-Virus, das man aufspüren und vernichten könnte. Die Figur Dracula ist in dieser Hinsicht beinahe eine tröstende Metapher, sein drastisches Vergehen eine erfüllte Wunschphantasie.

Hübsches Detail zum Ende: Dracula stirbt in genau dem Raum, in dem die Bücher stehen, die Jonathan Harker als Bibliothekar auflisten sollte.

Und noch ein Detail: Draculas Ring – der in der Fortsetzung DRACULA: PRINCE OF DARKNESS 1966 eine wichtige Rolle spielen wird – bleibt im astrologischen Symbol „Wassermann“ liegen, dem doppelten Wellenschlag. Gegen fließendes Wasser ist Dracula (siehe ebenjene Fortsetzung) ebenfalls allergisch.

 

Nun habe ich viel gespottet über Jonathan Harkers Unvermögen und die ständige Deutschverwursterei, aber dies zerstört den Film nicht im Mindesten. Von allen Dracula-Verfilmungen, die ich gesehen habe – und sämtliche wichtigen sind dabei – halte ich diese – vielleicht mit Ausnahme von Murnaus NOSFERATU – für die gelungenste, geschmackvollste, ästhetischste und auch wirkungsvollste. NOSFERATU hatte den scheußlichsten Vampir, Bela Lugosi ist heute nur noch schwerlich ernst zu nehmen, Coppolas Version krankt an ihrer eitlen Mätzchenhaftigkeit. HORROR OF DRACULA von 1958 jedoch hat den besten Van Helsing, den sehr eindrücklichen Christopher Lee, die unverschämtesten erotischen Subtexte, und mit Terence Fisher Hammers besten Mann, dessen beständiges Understatement nicht verhehlen kann, dass er mit seinen sorgfältigen Bildkompositionen, seinen Farben, seinen Lichtsetzungen edle Gemälde des Grauens anfertigte, die (im Gegensatz zu Oscar Wildes Bildnis des Dorian Gray) ausgesprochen würdevoll altern.